Schuld und Sühne und Schule

Da freut sich der Literaturkritiker: Endlich einmal ein Thriller, der so gar nicht in die Schublade seines Genres passen will und alleine schon, kein Urteilsspruch, mit seinem Cover leicht deplatziert auf dem Büchertisch für Mord und Totschlag wirkt. Denn direkt nach den ersten Seiten von »Geständnisse« ist zumindest die Sachlage einigermaßen klar.

Die vierjährige Manami ist tot. Ermordet von zwei Schülern. Die Verbindung: Lehrerin Yuko Moriguchi. Am letzten Tag vor den Ferien steht sie vor ihrer Klasse und berichtet, wie sich das Verbrechen an ihrer Tochter ereignet hat. Auf ihren Plätzen lauschen die Naoki und Shuya, die beiden Jungen, die Manami umgebracht haben.

Was Kanae Minato in ihrem Roman nun entspinnt, sind Bruchstücke der verschiedenen Innenansichten. Klassensprecherin, Mutter, Schwester – es sind die weiblichen Charaktere, die hier im Gegensatz zu den beiden Jungen zu Wort kommen. »An dem Punkt artet das Ganze dann praktisch in eine Hexenjagd aus – genau wie im Mittelalter. Ich glaube, wir Normalbürger haben vielleicht eine Grundregel vergessen – nämlich, dass wir eigentlich kein Recht haben, über jemand anderen zu richten«, heißt es an einer Stelle. Vermutlich ließe sich diese Stelle mit gutem Gewissen unterschreiben. Wenn nicht kurz darauf die beiden Schüler ihre Sicht der Dinge schildern würden.

Sie verlieren sich in Larmoyanz und Selbstgerechtigkeit, rechtfertigen ihre Tat. Während Naoki um die Anerkennung anderer Menschen kämpft und sich von seiner Lehrerin Moriguchi im Stich gelassen fühlt, hat Shuya nicht als Hass und Arroganz für seine Umwelt übrig. Mutterkomplexe tragen sie trotzdem beide mit sich herum. »Manchmal gingen wir zu dritt zum Bowling oder zum Karaoke, und allmählich hatte ich das Gefühl, genauso blöd zu werden wie sie – und es auf eigenartige Weise auch noch zu genießen.« Selbstüberschätzung, Anspruchsdenken, Arschlochdenken.

Doch Kanae Minato verlässt sich nicht nur auf ihre Charaktere. Die japanische Autorin schiebt auf den letzten Seiten die Geschichte nochmal an, lässt sie mit einer gewaltigen Explosion enden. Ist das plausibel? Eher nicht. Das tut bei »Geständnisse« aber wenig zur Sache, denn es geht hier nicht um die Lösung eines Rätsels oder das Finden eines Mörders.

Stattdessen arbeitet sich Minato an den Fragen über Schuld und Vergebung ab. Sind zwei Minderjährige für ihre Taten zu verantworten? Inwieweit ist Rache nachvollziehbar? Wann überschreitet sie den Punkt? Was ist Selbstjustiz? (Noch da?) Welche Verantwortung trägt das Umfeld? Wie geht eine Gesellschaft mit Verbrechern um? Dieser Roman von Minato stellt all diese Fragen und liefert kaum mehr als Anhaltspunkte. Der Leser bleibt damit alleine.

Denn nur so kann überhaupt eine Auseinandersetzung stattfinden. Ihre Charaktere lässt die 44-jährige Autorin oft eindimensional, wie vom Reißbrett entworfen. (Wer da mehr Tiefe sucht, ist bei Dostojewski wohl besser aufgehoben. ) Die Handlung bleibt parabelhaft, stellenweise ein wenig stumpf und überzeichnet. Lohnt es sich trotzdem? Und wie. »Geständnisse« funktioniert trotzdem als Pageturner, als Denkanstoß, als Zerrbild einer Gesellschaft. Alte Probleme, für die es keine Antwort gibt. Über allem steht: Was ist das Böse? Auf den letzten Seiten verschiebt sich die Perspektive bei dieser Frage wieder. Und auf einmal ist gar nichts mehr klar.

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